Die graue Maus startet durch

Von: David Lorenz

Milwaukee BucksEs ist eine kleine Sensation. Die Milwaukee Bucks sind neben den Orlando Magic und den Dallas Mavericks das aktuell heißeste Team der Liga. Vor der Saison sahen so ziemlich alle Experten die Truppe von Headcoach Scott Skiles auf dem letzten Platz in der Eastern-Conference. Doch dank klugen Neuverpflichtungen und einem klaren Konzept stehen die Bucks vor dem Einzug in die Playoffs. (mehr…)

So langsam erscheint die Serie der Milwaukee Bucks selbst eingefleischten Fans der Mannschaft etwas unheimlich. Zuletzt vermochte das Team aus der nordamerikanischen Bierhauptstadt fünf Spiele in Folge zu gewinnen. Noch beeindruckender: Von den vergangenen 21 Partien ging Milwaukee 17 Mal (!) als Sieger vom Parkett.

Mit einer Bilanz von 35 Siegen bei 29 Niederlagen stehen die Bucks aktuell auf Rang fünf in der Tabelle der Eastern-Conference - mit 4,5 Spielen Vorsprung auf Rang neun, der nicht mehr zur Teilnahme an den Playoffs berechtigt.

Wer diese Entwicklung der Mannschaft vor der Saison vorausgesagt hätte, wäre wohl umgehend für verrückt erklärt worden. Milwaukee hat ligaweit einen der günstigsten Spielerkader, von einem All-Star ist weit und breit keine Sicht. Michael Redd, einziger Starspieler in Reihen der Bucks, bestritt in der laufenden Saison lediglich 18 Partien und fiel in der Folge mit einem Kreuzbandriss für den Rest der Spielzeit aus.

Worin liegen also die Stärken der „ewigen grauen Maus“ der NBA? Warum besiegt die Truppe aus dem Bundesstaat Wisconsin, die in einem der kleinsten Märkte der NBA beheimatet ist, reihenweise die großen Teams der Liga? (zuletzt Cleveland, Boston und Utah in Serie).

Die Qualitäten den Bucks beginnen in einem klaren System. Headcoach Scott Skiles, einer der unterschätztesten Trainer der Liga, hat Milwaukee zu einem der defensiv stärksten Teams geformt. In John Hollingers „Defensive Efficiency Ranking“ belegen die Bucks Rang sechs - noch vor den Cleveland Cavaliers. Milwaukee spielt einen teamorientierten Basketball, in dem die Scoringlast auf vielen Schultern verteilt ist. Die Mannschaft ist von keinem Superstar abhängig, bei dessen Versagen es automatisch eine Niederlage setzt.

Spieler wie Andrew Bogut oder Rookie Brandon Jennings blühen unter Skiles auf. Bogut, die große Konstante im Spiel der Bucks, spielt seine beste Saison als NBA-Profi. Mit 16,2 Punkten (Karriere-Bestmarke) und 10,4 Rebounds (Karriere-Bestmarke) pro Begegnung erzielt der Center aus Australien ein Double-Double im Durchschnitt. Starke 2,5 Blocks pro Partie (Karriere-Bestmarke) runden eine außergewöhnliche Saison Boguts in der Defensive ab.

Ihm zur Seite steht Brandon Jennings, die große Unkonstante im Spiel Milwaukees. Der Liga-Neuling schwankt zwischen Genie (55 Punkte gegen die Golden State Warriors) und Wahnsinn (36,9 Prozent aus dem Feld in der laufenden Saison). Jennings ist der ewige Antreiber im Spiel der Bucks und eine echte Bereicherung für die Mannschaft, vor allem auf lange Sicht.

In der laufenden Saison mit 15,9 Punkten und 6,1 Assists pro Partie: Brandon Jennings

In der laufenden Saison mit 15,9 Punkten und 6,1 Assists pro Partie: Brandon Jennings

Neben einem klar strukturierten, defensiven Spielsystem und den Leistungsträgern Bogut und Jennings ist die kluge Personalpolitik Milwaukees der dritte Trumpf der Mannschaft. Vor der Saison wurden mit Carlos Delfino und Rookie Ersan Ilyasova zwei Akteure verpflichtet, die wohl niemand auf der Rechnung hatte. Beide passen mit ihrem flexiblen Spiel perfekt in das System von Skiles. Beide punkten im Schnitt zweistellig (Delfino mit 10,7, Ilyasova mit 10,4 Zählern pro Partie). Zudem stellte sich die Reaktivierung von Jerry Stackhouse als Volltreffer heraus, der mit durchschnittlich 8,0 Punkten pro Begegnung die Offensive der Bucks umgehend verstärkte.

Der ganz große Coup sollte Milwaukee jedoch kurz vor Ende der Transferperiode gelingen, als man John Salmons von den Chicago Bulls verpflichtete. Zunächst als Randnotiz im Schatten der zahlreichen Blockbuster-Trades abgetan, hat sich der Salmons-Deal mittlerweile als cleverster Schachzug neben Dallas’ Verpflichtung von Caron Butler und Brendan Haywood entpuppt.

Salmons, für den Hakim Warrick und Joe Alexander nach Chicago geschickt wurden, ist seit seiner Ankunft in Milwaukee der Topscorer der Bucks. Mit durchschnittlich 19,3 Zählern pro Partie ersetzt er den verletzten Michael Redd mehr als gleichwertig. Seit der 30-jährige Shooting-Guard im Trikot Milwaukees aufläuft, hat das Team 11 von 12 Begegnungen gewonnen.

Für die Bucks geht es in den kommenden Partien gegen Indiana, die L.A. Clippers und Sacramento - durchaus lösbare Aufgaben. Falls Milwaukee bis Saisonende nicht mehr einbrechen sollte, winkt die erste Playoff-Teilnahme seit der Spielzeit 2005/2006.

Spätestens dann wäre eine der dicksten Überraschungen der jüngeren NBA-Geschichte perfekt.

(Photos by compujeramey & Steve Paluch | License: Attribution-Share Alike 2.0 Generic)

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1 Kommentar zu „Die graue Maus startet durch“

  1. Mattes sagt:

    Unglaublich was die Bucks zurzeit abliefern. Die Playoff Teilnahme sollte eigentlich schon “gebucht” sein. Gerade wenn man die aktuellen Leistungen der Bulls und Raptors bedenkt. Irgendwie scheint ja kein Team (East 6-9) so recht an den Playoffs teilnehmen zu wollen.
    Für mich als Raptors Fan ist die Entwicklung natürlich doppelt bitter. Ein Team wie Milwaukee, dass auf dem Papier deutlich schlechter ist als Toronto, plötzlich auf Playoff-Rang 5 zu sehen ist einfach nur ärgerlich.

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