Wide, Wide West

Von: Malte Arndt

Los Angeles Clippers Wenn ein Superstar zu einem neuen Team getradet wird, verändert sich naturgemäß die Landschaft der NBA – nicht umsonst kassieren Spieler wie Paul die höchsten Gehälter, weil sie ihre Mitspieler wesentlich besser machen. Dass Paul aber im Westen geblieben ist, könnte sich als genialer Schachzug erweisen – ist dieser doch nach Jahren der Lakers-Vorherrschaft offener denn je. (mehr…)

Man konnte schon Carmelo Anthony fragen, warum er nicht lieber in der Western Conference geblieben ist: Klar, Denver ist nicht ein annähernd so großer Markt wie New York, aber wie clever ist es, in eine Conference zu wechseln, in der sich zwei der besten Spieler dieser Dekade in einem Team zusammengeschlossen haben? In der mit den Boston Celtics und Chicago Bulls zwei weitere Powerhouses sitzen, die es mit jedem auch über sieben Spiele aufnehmen können? Zu einem Team zu gehen, das den freigeschaufelten Capspace jetzt also in die Troika Chandler/Stoudemire/Anthony investiert hat und nur eine Knieverletzung der beiden big Men vom absoluten Mittelmaß entfernt ist? Allein diese Fragen sollten Anlass genug gewesen sein, sich das zweimal zu überlegen. Vielleicht hat Chris Paul genau das gemacht – anders kann ich es mir kaum erklären, dass er (neben New York, das aber keine Assets besaß) nur Teams aus dem Westen als potentielle Arbeitgeber auswählte.

Klar, der Westen wurde seit 2000 im Wesentlichen von drei Teams geprägt: Den Los Angeles Lakers, die ihn abgesehen von einer Schwächeperiode nach Shaqs Abgang dominierten; den Spurs und den Mavericks, die aber nur einmal gut genug waren, um alle anderen in die Schranken zu weisen (2006) und dann ihr Team aus Veteranen lange genug beisammen halten konnten, bis die Lakers und Spurs nicht mehr ganz so gut waren (2011). Genau das ist auch der Grund, weshalb man hier Paul nur beglückwünschen kann: Alle oben genannten Teams sind auf dem absteigenden Ast und auf der Suche nach einer neuen Identität. Dallas hat – für einen Meister ungewöhnlich – die Rotation durcheinandergewürfelt, zwei Starter und einen Energizer von der Bank abgegeben, dafür Veteranen geholt, die diese Lücken kurzfristig schließen sollen. Natürlich weiß jeder, dass hier ab 2012 neue Stars spielen sollen oder wenigstens das Team deutlich umgebaut wird – klare Zukunftsaussichten sehen anders aus. San Antonio fehlt die Präsenz von Duncan, der zwar immer noch auf hohem Niveau spielt, aber nur noch ein Schatten früherer Tage ist. Man hat ein schlagkräftiges Team, keine Frage – aber eben eines, das in den Playoffs wohl keinen tiefen Run mehr im Tank hat.

Bleiben die Lakers, die mit Kobe Bryant und dessen Abstieg zu kämpfen haben. Natürlich ist Bryant immer noch besser als vieles, was sonst in der Liga im Backcourt rumläuft. Nur hat er seit 2009 den Titel des besten Shooting Guards, in den Playoffs seinen Drive verloren und zeigt sich vor allem als wild ballernder Jumpshooter, dessen langsamer Niedergang sich vor allem zwischen den Zeilen ausdrückt. Seine TS% befindet sich seit Jahren in freiem Fall, seine Wurfversuche direkt am Korb sind in der letzten Saison dramatisch zurückgegangen (von fünf auf 3,5 pro Spiel), seine Assist-Turnover-Ratio sah auch schon deutlich besser aus und der Distanzwurf will auch nicht mehr so recht fallen. Sein Co-Star Pau Gasol ist ebenfalls schon über 30, hat zum zweiten Mal innerhalb von vier Jahren einen fantastischen Choke Job in den Playoffs hingelegt und wurde nur durch David Sterns Wahnsinn davor gerettet, getradet zu werden (vorerst). Bleibt Andrew Bynum, der offensiv noch reifen muss, aber als Eckpfeiler eines neuen Teams taugt – damit aber in Los Angeles allein auf weiter Flur stehen dürfte. Der Salary Cap ist auch dank des Rentenvertrags von Bryant zugebaut, sodass man nicht prognostizieren kann, ob die Lakers in zwei Jahren überhaupt noch zur Spitze des Westens gehören.

Chris Paul hat gut lachen, sollte er doch über die nächsten Jahre um den Finals-Einzug mitspielen können.

Chris Paul hat gut lachen, sollte er doch über die nächsten Jahre um den Finals-Einzug mitspielen können.

Das alles eröffnet natürlich die Möglichkeiten für andere Teams, die Vorherrschaft im Westen zu übernehmen. Logischster Kandidat sind die Oklahoma City Thunder, immerhin letztjähriger Conference-Finalist. An sich hat man schon sehr viele Bausteine beisammen und muss nur noch punktuell nachbessern. Ein Scorer von der Bank zum Beispiel, nachdem sich James Harden als fähiger Spieler erwiesen hat, der aber erst einmal in den Rhythmus des Spiels finden muss, was ihn eher disqualifiziert für diesen Job. Zudem kann man voll auf die Entwicklung setzen – dass sich Westbrook einen Jumpshot aneignet, dass sich Durant dazu entschließt, seine Mitspieler offensiv besser zu machen, statt eine Art Inselkinddasein zu führen, dass sich Serge Ibaka auch offensiv weiterentwickelt (was für die Thunder so unendlich wichtig wäre). Ähnliches lässt sich über die Grizzlies sagen, die zwar nicht ganz so jung sind, aber die Thunder schon ins siebte Spiel zwangen – ohne ihren vermeintlich besten Spieler.

Es eröffnet aber auch sofort interessante Optionen für die Clippers. Die Starting Five ist über jeden Zweifel erhaben, von der Bank kann man noch Mo Williams, Randy Foye, Eric Bledsoe und Ryan Gomes ins Rennen schicken. Signt man noch für die Low Level Exception einen Big Man (Anforderungsprofil: Center, kann körperlich dagegen halten, fällt nicht auf jeden Pumpfake rein) – sagen wir einen Jason Collins – hat man da auch schon viel Tiefe beisammen. Oder man tradet Mo Williams gegen entsprechende Hilfe, da man spätestens mit der Rückkehr Bledsoes wohl einen Guard entbehren kann. Es ist zweifellos das beste Team, in dem Paul bisher spielen durfte. Griffin ist die athletische, besser reboundende Superstar-Variante von David West, Caron Butler der bessere Trevor Ariza, wenn man den Vergleich mit den Hornets suchen will. Ein Spielertyp wie DeAndre Jordan auf Center hat Paul bisher immer zu nutzen gewusst und neben ihm im Backcourt braucht es eigentlich nur einen Shooter – wie Chauncey Billups, Mo Williams oder Randy Foye. Das andere Team aus L.A. kann schon dieses Jahr weit, weit vorne im Westen landen und die Führungsrolle in der Stadt übernehmen.

Besser noch: Man wird die nächste Offseason in Ruhe Zeit haben, den Kader weiter auszugestalten. Man kann Griffins Vertrag verlängern, da sein Buddy DeAndre Jordan auch langfristig gebunden ist und man Chris Paul im Team hat. Man kann, so meine Einschätzung, auch Chris Pauls Vertrag verlängern, da es aller Voraussicht nach 2013 keine bessere Situation für ihn geben wird – die Lakers werden immer noch unter Kobes Vertrag leiden, die Bulls brauchen ihn nicht, die Knicks werden ihn kaum verpflichten können, da man jetzt schon drei dicke, langfristige Verträge im Gehaltsbuch stehen hat. New Jersey hat Williams oder, sollte dieser nicht mehr da sein, sportlich nichts vorzuweisen. Die Mavericks und Celtics hätten den Capspace, aber wohl kaum etwas, was sofortigen sportlichen Erfolg verspricht (und Boston hat Rondo bis 2014 unter Vertrag), sollte Howard nicht zu den Mavericks kommen. Es wird jedenfalls schwer zu erklären sein, warum Paul von den Clippers weg wollte, wenn sich nichts dramatisch ändert.

Insofern kann man die Clippers und Paul nur beglückwünschen: Sie haben den Grundstein für eine langjährige Position in der Spitze der Western Conference gelegt, die in mehreren (Conference) Final-Teilnahmen und unter Umständen einer großen Rivalität mit den Thunder enden könnte. Man nutzt die Gunst der Stunde, um sich klar zu positionieren, wo so viele andere noch nach ihrem Zukunftskonzept suchen (was auch die zweite Reihe des Westens betrifft: Portland, Houston, Phoenix, Denver). Am Ende könnte dieser Trade nicht nur die Landschaft der NBA, sondern auch ihre Geschichtsbücher ändern – vorbei die Zeiten, als die Clippers eine Lachnummer waren. Her mit dem Team, das aus heutiger Sicht sehr viel eher die nächste Meisterschaftsparade durch Downtown LA führen lassen wird als die Lakers. Und vor allem: Her mit den Western Conference Playoffs 2012, die kaum zu prognostizieren sein werden.

(Photos by RMTip21 & Tulane Public Relations | License: Attribution-Share Alike 2.0 Generic)

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4 Kommentare zu „Wide, Wide West“

  1. Frnknstn sagt:

    Hi Malte, wie immer klasse geschrieben!

    Ich teile die Euphorie bzw. die herrschende Meinung über die neuen Clippers (noch) nicht ganz - freue mich aber sehr auf die neue Saison. Vor allem da (wie du richtig sagst) eine Prognose so schwer ist.

    Weiter so!

  2. Robin sagt:

    Was wäre denn die Option für NYK um Paul doch noch zu verpflichten?
    Und ist es völlig ausgeschlossen, dass er auch für weniger Spielt um eben das nächste Powerhouse zu etablieren?
    LBJ, Wade und Bosh haben es ja auch vorgemacht….

  3. Stefan sagt:

    jaja die Nie-Gewinn-Kickers/Clippers…

    bei den einen kam Gregor xD bei den andern der gute Blake… und schwubbs wurden sie zu Champions…

    falls jemand die kickers nicht kennt –> http://de.wikipedia.org/wiki/Kickers_%28Anime%29

  4. Ariel sagt:

    Sehr schöner Über-/Ausblick zur Sitution der WC. Keine Frage: aus heutiger Sicht gehört den Clippers und Thunder im Westen die Zukunft, auch die Situation der Lakers, Mavs und Spurs ist meiner Meinung nach sehr zutreffend analysiert worden: alle 3 überalterte Teams, die Spurs in der aussichtslosesten Situation, die Lakers wenigstens mit begehrten gut zu tradenden Spielern und die Mavs -welch Wunder!- mit der Möglichkeit die neugewonnene Attraktivität für Freeagents mit freiem Capspace im Sommer zu nutzen (inklusive der Nutzung der Amnesty Clause könnte man mit all den auslaufenden Verträgen auf ein Salary von 31 Millionen kommen, würde man Nowitzkis Vertrag stretchen sogar unter 30). Cuban wird wohl kaum hinter D-Will und D12 her sein (eher hinter letzterem, der sich die Tage ja auch schon sehr positiv über Cuban geäußert hat), weil eine Franchise mit 3 Star-Verträgen, wie man gut bei den Heat und den Knicks sehen kann, einfach keine Tiefe im Team erlaubt. Bei den Heat hat man schließlich auch bald über 60 Millionen Gehalt allein für Wade, Bosh und LeBron. Denke es hängt davon ab was die Mavs und Lakers bis zum Sommer aus ihren Möglichkeiten machen, ehe man sie wie die Spurs und Celtics zum Alteisen zählen muß.

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