Apocalypse Now

Von: David Lorenz

LeBron JamesWas ist bloß los mit den Cleveland Cavaliers? Die Mannschaft aus dem Bundesstaat Ohio absolvierte offensiv wie defensiv bislang eine tadellose Saison und hat in LeBron James (Foto) zudem den derzeit besten Spieler der Welt in ihrem Kader. Doch von alledem war in der Playoff-Serie gegen Boston zuletzt wenig bist nichts zu erkennen. Im Gegenteil: Den Cavaliers droht eine Blamage. Ein Kommentar. (mehr…)

Das Team der Cleveland Cavaliers ist in diesen Tagen nicht wieder zu erkennen. Es spielt ohne Biss, ohne Selbstvertrauen und ohne Konzept. Als ich mir heute Morgen die Wiederholung der gestrigen Klatsche gegen die Boston Celtics ansah, musste ich mich phasenweise doch sehr verwundert am Kopf kratzen. Was ist da los?

Für eine Mannschaft, bei der es um die Gegenwart sowie um die Zukunft geht, kommt dieses Formtief zum schlechtesten aller möglichen Zeitpunkte. Ich persönlich glaube bei einem Ausscheiden der Cavaliers zwar nicht an den Weggang von LeBron James, denn das würde ihm für alle Ewigkeiten den Ruf anhängen, mit dem stärksten Kader aller NBA-Teams in zwei aufeinander folgenden Jahren versagt zu haben. Dennoch: niemand außer James selbst weiß wohl momentan, wie seine Zukunft aussieht, und ein Wechsel ist natürlich trotzdem im Bereich des Möglichen.

Bleiben die Fragen zu beantworten, warum Cleveland zurzeit so schwach spielt. Um dies zu veranschaulichen, gehe ich auf einige Faktoren aus der fünften Partie von gestern Nacht ein.

  • Beginnen möchte ich mit James selbst, der gestern ein absolut untypisches Spiel ablieferte (15 Punkte, drei von 14 aus dem Feld, null von vier Dreiern, -22 Plus/Minus). Ich kann mich an keine schwächere Vorstellung des 25-Jährigen in den vergangenen Jahren erinnern, es muss wohl irgendwann in den Finals von 2007 gegen die San Antonio Spurs gewesen sein, als James ähnlich unglücklich agierte. Doch ich will ihn für die schwachen Vorstellungen seiner Mannschaft nicht alleine verantwortlich machen, immerhin spielen gleich eine ganze Reihe ehemaliger All-Stars an seiner Seite, die derzeit weit mehr enttäuschen als James selbst. Und auch Headcoach Mike Brown gibt dieser Tage keine besonders gute Figur ab. Was auffällt: attackiert James nicht früh den gegnerischen Korb, macht er nicht bereits zu Beginn einer Partie vieles selbst, so wie im dritten Aufeinandertreffen beider Teams, geht bei Cleveland offensiv wenig. Kein einziger Mitspieler des „Kings” bringt momentan konstant ordentliche bis gute Leistungen. Kein Mo Williams (11,6 Punkte pro Partie gegen Boston), kein Antawn Jamison (13,2). Im Prinzip muss es James alleine richten. Was passiert, wenn er dazu nicht in der Lage ist oder wenn er ausschließlich versucht, seine Nebenleute in Szene zu setzen, hat man in den vergangenen beiden Partien gesehen.
  • Kommen wir von der schwachen Offensive zu einer noch schwächeren Verteidigung. Dies hat in meine Augen abermals viel mit den Personalien Williams und Jamison zu tun. Williams spielt eine katastrophale Serie und es stellt sich langsam aber sicher die Frage, warum er vor zwei Jahren zum Allstar-Game berufen wurde. Momentan ist er für mich ein typischer Schönwetterspieler: geht es um nichts, spielt er stark, wird es ernst, versagt er, siehe die Conference-Finals gegen Orlando aus dem vergangenen Jahr. Doch dass Williams offensiv nichts bringt, könnten die Cavs vielleicht sogar noch verkraften. Es ist die Defensive, in der er seinem Team so richtig wehtut. Rajon Rondo und Ray Allen können mit Williams im Prinzip machen was sie wollen. Der Point-Guard der Cavaliers kommt defensiv immer einen Schritt zu spät und ist körperlich einfach unterlegen. Ähnlich sieht es bei Jamison aus: der Ex-Wizard sieht in der Verteidigung kein Land gegen Kevin Garnett. Mir stellt sich langsam die Frage, warum Mike Brown nicht komplett auf Anderson Varejao umstellt, der defensiv um so vieles besser ist, oder zumindest J.J. Hickson öfter bringt, der bis zu Jamisons Verpflichtung immerhin Starter war. Denn auch offensiv trifft Letztgenannter viele falsche Entscheidungen und kann wie Williams nur sehr selten für Entlastung von James sorgen. Insgesamt betrachtet hat sich die Verpflichtung Jamisons bislang überhaupt nicht ausgezahlt und eher eine funktionierende Mannschaft durcheinander gebracht.
  • Was mich direkt zum nächsten Problem der Cavaliers führt: die nicht funktionierende bis chaotische Rotation. Gestern waren es auf einmal Daniel Gibson und Zydrunas Ilgauskas, die Brown ins kalte Wasser warf. In Spiel vier der Serie bekam Leon Powe einen Kurzeinsatz. Hickson spielt derweil überhaupt keine Rolle mehr und auch der Wechsel zwischen Jamario Moon von der Bank und Anthony Parker als Starter sieht in meinen Augen nicht optimal aus. Cleveland hat einfach das Problem, über zu viele brauchbare Spieler zu verfügen und Brown findet einfach keinen Mix. Defensiv nicht, offensiv nicht. Durch das ständige und unregelmäßige Durchrotieren scheint er seine Spieler verunsichert oder außer Form gebracht zu haben. Von der Bank kommt keine Power, wie sie Boston in Form von Glen Davis und/oder Tony Allen bringen kann. Auch Delonte West ist mir mit seinen chaotischen Dribblings und schwachen Entscheidungen in den vergangenen beiden Partien negativ aufgefallen.
  • Um noch einmal zurück auf die Defensive zu kommen: Es ist schon erstaunlich, dass Boston das Team ist, dass gleich von mehreren Mismatches profitiert und nicht der vermeintlich stärkste Kader der Liga in Form von Cleveland. Angesprochen habe ich bereits die Duelle Garnett vs. Jamison und Rondo vs. Williams, die eindeutig zu Gunsten der Kelten ausfallen. Vor der gestrigen Partie war dann aus dem Lager der Cavaliers zu hören, dass für Spiel fünf der Serie James selbst Rondo verteidigen sollte, was nicht funktionierte. Immer, wenn der amtierende MVP der regulären Saison den Spielmacher der Celtics verteidigen sollte, was sich jedoch auf wenige Ballbesitze beschränkte, zog Rondo dank seiner extremen Schnelligkeit an James vorbei.

Meine Analyse liest sich wie ein Verriss, darüber bin ich mir im Klaren, doch sie behandelt hauptsächlich die vergangenen beiden Partien, in denen Cleveland wirklich schwach agierte. Das Team ist noch nicht ausgeschieden, und bei einem Sieg im sechsten Aufeinandertreffen mit den Celtics in Boston haben die Cavaliers auch wieder alle Trümpfe in ihrer Hand. Doch bei diesen massiven Problemen in den vergangenen Partien scheint ein Erfolg am Donnerstag wenig wahrscheinlich. Und selbst wenn Cleveland irgendwie in die Eastern-Conference-Finals einziehen sollten, wartet dort mit den Orlando Magic eine Mannschaft, die im Duell mit den Cavaliers noch mehr Mismatches auf ihrer Seite hat als die Celtics.

Kurz: Es ist nicht gut bestellt um die Meisterschaftsträume von LeBron James, seiner Mannschaft und der gesamten Region in und um Cleveland.

(Photo by Keith Allison | License: Attribution-Share Alike 2.0 Generic)

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10 Kommentare zu „Apocalypse Now“

  1. Magnus sagt:

    Dein Artikel ist sehr gut, aber eine Sache ist schlicht nicht wahr. Rondo ist nie an James vorbeigezogen, wenn dann waren es gut gestellte Blocks, aber im 1 gegen 1 ist Rondo kein eiziges Mal an James vorbeigezogen. Ich weiß nicht was du das gesehen haben willst ?

  2. David Lorenz sagt:

    @ Magnus: ist mir drei-, mindestens jedoch zweimal aufgefallen. Bin mir ziemlich sicher. Aber ich check nochmal die Wiederholung. Danke für die Anmerkung.

    EDIT: Hab auf die Schnelle eine Szene gefunden, 7:30 vor Ende der Partie. James hält da einen Sicherheitsabstand von guten drei Metern auf Rondo, der dann jedoch tatsächlich einen Block gestellt bekommt und locker vorbeigeht. Aber wie soll das auch funktionieren? Natürlich ist James ein überragender Verteidiger, aber wie will er mit seiner Größe einen Rondo und dessen Antritt, einen der schnellsten in der NBA, verteidigen? In meinen Augen eine Schnapsidee. Hab meine Formulierung trotzdem mal abgeschwächt.

  3. Magnus sagt:

    Also wenn, dann ist mir dass vor Kopfschütteln entgangen :P

  4. Fabou sagt:

    Interessanterweise wurde genau das Problem des Deckens von Rondo auch bei “Inside the NBA” debattiert. Während Chris Webber die Meinung vertrat, dass Rondo von James gedeckt werden sollte, war sich Kenny Smith sicher, dass Rondo einfach viel zu schnell für James ist.
    Auch wenn man jetzt sagen könnte, dass Rondo gestern die Oberhand behielt, ist es dennoch besser James gg ihn aufzustellen, als einen lethargischen Mo Williams.

  5. Magnus sagt:

    James ist ja auch der schnellste Spieler der Cavs.

  6. Malte Arndt sagt:

    Ich habe es eher so gesehen, dass James den Drive von Rondo gut verteidigt hat, weshalb dieser ja auch in der ersten Halbzeit ohne Punkte blieb. Eklig wurde es eigentlich erst dann (meiner Meinung nach),als Cleveland notgedrungen Williams oder West gegen ihn stellen musste, weil Boston die Mismatches durch die Rotation von James (Allen gegen Williams, Pierce gegen parker) zu gut nutzte. Das hat dann aber wiederum Rondo so sehr ins Spiel gebracht, dass er aus meiner Sicht der beste Akteur der zweiten Hälfte war.

  7. Dima Karle sagt:

    Da kann ich Malte nur zustimmen!

  8. Dima Karle sagt:

    Das war’s. Wie ich vor Monaten prophezeit habe, gewinnen die Cavs auch dieses Jahr keinen Titel!
    Man kann sogar noch weitergehen und sagen, wenn James in Cleveland bleiben sollte, wird er mit dieser Mannschaft keine Meisterschaft gewinnen können!

  9. Dominik sagt:

    Sehe ich ähnlich.

    Gegen die Bulls haben viele noch davon gesprochen, dass Cleveland mit dem Fuß auf der Bremse spielt. Im Nachhinein muss man feststellen, dass sie wahrscheinlich schon in dieser Serie ihre Schwierigkeiten hatten.
    Ist an sich aber fast schon tragisch, während der Season dominieren die Cavs so ziemlich nach Belieben, in den Playoffs scheitern sie jedes mal. Das liegt sicherlich nicht an Lebron James alleine - ein schlechtes Spiel kann schließlich jeder mal machen, auch wenn es zu einem ungünstigen Zeitpunkt passiert ist - es ist eher das Team um ihn herum, das für mich gnadenlos versagt. Traurig, denn besser kann das Team in der Tat nicht werden.
    Mit Shaq und Jamison hat man “eigentlich” die Spieler die es braucht um die Playoffs zu gewinnen, zumindest auf dem Papier. Dass es trotzdem nicht mal annährend reicht lässt James sportlich gesehen eigentlich nur eine Wahl: Weggehen.

    Ich persönlich denke jedoch, dass er eher den Märtyrer spielt und als gefallener, tragischer Held bleibt, anstatt sich ein neues Team mit Perspektive zu suchen. Der “King” ist er eben vor allem in Cleveland/Ohio - und marktstrategisch wäre es nicht gerade optimal einen Hollywood Film über die eigene Jugend in Cleveland zu drehen, wenn ich die Umgebung bei Release verlasse ;)

    Gruß Dominik

  10. Dmitrij Karle sagt:

    Die Ratten verlassen das sinkende Schiff?!

    http://sports.yahoo.com/nba/news;_ylt=Ah499ZWwyJQjDqAifOgAZUW8vLYF?slug=ys-ferrycavaliers060410

    Wer noch glaubt, dass James in Cleveland bleibt…

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