Von: David Lorenz
Die Phoenix Suns befinden sich im Kampf gegen die Dämonen vergangener Tage. Die Playoff-Pleiten der Wüstenstaatler gegen die San Antonio Spurs sind mittlerweile legendär und füllen etliche Highlight-Videos mit packendem Material. Doch die Zeiten, in denen sich die Suns von ihrer texanischen Nemesis herumschubsen ließen, scheinen endgültig gezählt.
Zum einen liegt das mit Sicherheit an den Spurs selbst, die trotz ihres Erstrunden-Erfolgs über die Dallas Mavericks nicht mehr der böse Wolf der NBA sind und einiges an Dominanz eingebüßt haben. Zum anderen liegt das aber auch an den Suns, die unter Alvin Gentry zumindest phasenweise so etwas wie Defense anzudeuten vermögen und nicht mehr komplett von ihrer Offensive abhängig sind (wobei der Angriff natürlich immer noch rund 90 Prozent von Phoenix’ Stärken ausmacht).
Beim Verfolgen des zweiten Aufeinandertreffens zwischen Suns und Spurs (110:102) sind mir gleich mehrere Dinge aufgefallen, auf die ich gerne etwas genauer eingehen würde.
- Der Knackpunkt der Partie, die San Antonio über weite Strecken der ersten Halbzeit dominierte, war, wie es Spurs-Headcoach Gregg Popovich treffend formulierte, das Spiel des Jared Dudley. „Dudley kam rein und hat die komplette Partie verändert“, so der texanische Meistermacher. Und wie. Man sieht das von Zeit zu Zeit bei einem Spieler, der besonders aggressiv in ein Spiel geht, eine gelungene Aktion landet, sich und seine Nebenleute pusht und dem von da an fast alles gelingt. So Dudley, der sich gleich mehrere Offensiv-Rebounds in Folge sicherte, und dreimal hintereinander „and One“ am gegnerischen Brett einnetzen konnte. San Antonio hatte in dieser Phase dem ansonsten eher behäbig wirkenden 2,01-Meter-Mann absolut nichts entgegenzusetzen. Dudley hielt seine Mannschaft zu einem äußerst kritischen Zeitpunkt quasi alleine im Spiel.
- Offensivrebounds: Phasenweise wollte ich meinen Augen kaum trauen, als ich sah, wie Phoenix die Bretter der Spurs dominierte. Als Tim Duncan sich eine Auszeit auf der Bank gönnte, schnappten sich die „Los Suns“ beinahe jeden Offensivrebound, ob Dudley (insgesamt vier), Louis Amundson (drei) oder Amare Stoudemire (vier). Am Ende ging die Offensivrebound-Statistik mit 18:7 an Phoenix, die gesamte Rebound-Statistik entschieden die Suns mit 49:37 für sich. Vor wenigen Jahren wären diese Zahlen genau andersherum zu Gunsten San Antonios ausgefallen.
- Aus der Reboundüberlegenheit der Suns resultiert eine äußerst interessante Statistik: Obwohl Phoenix lediglich 42 Prozent der Würfe aus dem Feld verwandeln konnte (San Antonio auf der anderen Seite mit starken 50,6 Prozent), entschieden die Suns das Spiel zu ihren Gunsten, da sie im Vergleich mit den Spurs sechsmal häufiger aus dem Feld und 15 Mal öfter von der Freiwurflinie warfen.
- Was für ein eindimensionaler Spieler (ausnahmsweise im positiven Sinne) Channing Frye doch geworden ist. Zu New Yorker Zeiten oder während seinem Zwischenstopp in Portland noch ein durchschnittlicher bis talentierter NBA-Profi in vielen Bereichen, wirft Frye mittlerweile nur noch Dreier (in Spiel zwei der Serie gegen San Antonio überragende fünf von sechs verwandelten Versuchen). Eine derartige Entwicklung, weg von einem „Basketballspieler“, hin zu einem Spezialisten, sieht man in der Regel nur von alternden Defensiv-Assen à la Bruce Bowen oder Lindsey Hunter, die im Herbst ihrer Karriere ihre wahre Bestimmung finden. Erstaunlich ist bei Frye, dass er bis zu dieser Saison nie einen Dreipunktwurf besaß. Seine „Nische“ ist gleichzeitig auch seine Lebensversicherung als Basketballer, da er neben dem „Spacing“ durch seinen guten Wurf von außen den Suns wenig anzubieten hat.
- Was mich auf direktem Weg zu Matt Bonner bringt, dem Gegenstück zu Frye auf Seiten der Spurs. Mit nur einem Haken: Bonner trifft in den Playoffs bislang kein Scheunentor (25 Prozent von „Downtown“ in den Serien gegen Dallas und Phoenix). Kommentator Doug Collins brachte es vorvergangene Nacht treffend auf den Punkt: „Wenn Bonner nicht trifft, hat er keine Daseinsberechtigung“.
- Die hat in meinen Augen auch Collins als Kommentator nicht uneingeschränkt. Collins nervt. Über die komplette Partie hinterfragt der erfahrene Headcoach keine einzige Schiedsrichterentscheidung. Kein Wort der Kritik, als die Referees ein offensichtliches Goaltending von Richard Jefferson an Jared Dudley nicht pfeifen. Kein einziges Mal wird auf fragwürdige Entscheidungen der Männer an der Seitenlinie bei Offensivfouls eingegangen. Schwach. Da merkt man erst einmal, was man am hyperkritischen Jeff Van Gundy hat.
- Antonio McDyess: Da findet der gute „Dice“ endlich ansatzweise seine Form vergangener Tage, macht ein gutes bis sehr gutes Spiel, wird aber zu Gunsten Bonners lediglich knapp 22 Minuten eingesetzt. Seltsam.
- Was ist mit dem Manu Ginobili geschehen, der im Anschluss ans All-Star-Break einer der heißesten Akteure der Liga war? Liegt es an seiner gebrochenen Nase? Zwar verteilte Ginobili in Spiel zwei der Serie 11 Vorlagen an seine Nebenleute, blieb aber aus dem Feld mit lediglich zwei Treffern bei acht Versuchen äußerst blass. San Antonio braucht einen besseren „Batman“, um die Suns zu schlagen.
- Grant Hill: Mein Kollege Malte Arndt würde es so ausdrücken: „Wenn dein bester Eins-gegen-Eins-Verteidiger Grant Hill heißt, hast du als Mannschaft ein Problem“. Was nicht gegen Hill sprechen soll, sondern gegen die Suns im Allgemeinen. Dennoch: Hill ist körperlich topfit, verteidigte phasenweise Tony Parker und dominierte die Offensive mit seinem typischen Würfen aus der Halbdistanz, als San Antonio Tim Duncan gegen ihn stellen musste/wollte. Es macht Spaß, dem alten Mann während seines dritten Frühlings zuzuschauen. Hill ist die Art von Spieler, dem man als neutraler Fan alles gönnt - vielleicht sogar als Fan des gegnerischen Teams.
- Gentry weiß klug die Einsatzzeit von Steve Nash einzusetzen. Der kleine Spielmacher bekommt immer wieder lange Pausen auf der Bank, in denen dann Goran Dragic ran muss. Dragic trägt dabei zwar solide den Ball nach vorne, wirkt im Abschluss aber absolut ungefährlich. Dennoch ist er die bessere Alternative zu Leandro Barbosa, der vorvergangene Nacht sehr sehr hektisch und überdreht wirkte und sich deshalb schon im Ansatz als Spielgestaler-Vertretung disqualifiziert. Bemerkenswert: Teilweise wurden ohne Nash sogar Rückstände verkürzt, was die Leistung des zweifachen MVP’s jedoch nicht schmälern soll, der gewohnt umsichtig Regie führte (trotz fünf Ballverlusten). Lediglich in der Defensive ist und bleibt der gute „Nashty“ der vielleicht schwächste Spieler der Liga. Doch dafür hat Phoenix ja den „Terrier“ Hill.
- Eine Anmerkung von meinem Kollegen Malte Arndt zum ersten Spiel der Serie will ich Euch nicht vorenthalten. Malte fand kritische Worte zur strategischen Leistung Gentrys: „Das Coaching könnte meiner Meinung nach noch ein Faktor werden, weil Popovich da einfach besser ist. Das ist mir aufgefallen, als er im vierten Viertel Amundson (der die Spurs bis dato an den Brettern terrorisierte) foulen ließ, Gentry ihn daraufhin raus nahm und plötzlich das Lineup Dragic/Barbosa/Hill/Dudley/Frye auf dem Parkett stand, während bei San Antonio Duncan/Bogans/Ginobili/Hill/Parker aufliefen. Duncan sammelte daraufhin jeden Rebound ein, die Suns bekamen erhebliche Probleme zu punkten und San Antonio kam zu einem 6:0-Run, der letztendlich den Anstoß zum zwischenzeitlichen 94:94 gab. Mein Gedanke dabei: Wäre Gentry cleverer gewesen, hätte er Nash und/oder Stoudemire rausgeschickt, um Duncan zu beschäftigen. Frye war ein Witz, Dragic überfordert, usw.“
Fazit: Die Suns sind härter geworden, geduldiger (man rannte über den Großteil der Spielzeit einem Rückstand hinterher, was jedoch niemanden zu verunsichern schien) und kaltschnäuziger (am Ende wurden die Spurs eiskalt in ihre Schranken verwiesen, mit einer äußerst effektiven Offensive, die immer wieder Stoudemire im Pick & Roll fand). Hätte ich vor der Serie San Antonio noch leicht favorisiert, so haben die Suns inzwischen alle Trümpfe in ihren Händen. Doch Popovich wäre nicht Popovich (der in meinen Augen beste Coach der Liga), würde er sich für Spiel drei der Serie nicht etwas einfallen lassen. Dass muss er jedoch auch, um eine gefestigt wirkende und mit viel Selbstvertrauen spielende Mannschaft aus Phoenix zu schlagen.
(Photo by Keith Allison | License: Attribution-Share Alike 2.0 Generic)
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Die Entwicklung der Phoenix Suns ist die Cinderella-Story der NBA (neben den Geschichten der Thunder, Bucks und Grizzlies). Vor der Saison von der Experten-Riege noch als Wackelkandidat für das Erreichen der Playoffs ausgemacht, hat sich die Mannschaft von Alvin Gentry mittlerweile zu einem soliden bis starken Team entwickelt, das in Kürze die Conference-Finals erreichen könnte. Ein Kommentar.
Malte Arndt - Mann, ihr Deutschen habt Namen, ich lach micht tod ; )
Nun aber zum Text: Ich finde, du hast die Wandlung der Suns und die Probs der Spurs super herausgearbeitet. Außerdem finde ich dein Engagement Klassa - nur weitder so.
PS: Auch Maltes Einwand war schlüssig und absolt nachvollziehbar. Verzeih mir bitte, dass ich seinen Namen lustig finde, aber letztens traf ich jemanden (ebenfalls aus D) und die hieß Dörte Bohnen, is las mis kaputt.
Offensichtlich habt ihr Blogger Ahnung. Von den Suns dann aber eher weniger. Dragic ist ein junger Euro-Guard, der erst im zweiten Jahr steht und heuer bereits enorme Fortschritte machte. Ihn im Blog so zu verreißen, ist kurzsichtig. Sein Spiel gestern Nacht war eines seiner zugegebenen raren Beweise, dass er massives Talent hat. Vielleicht sogar für einen legitimen NBA-Starter.
Zweitens, klar Gentry ist nicht der große Taktiker, aber er ist ein Motivator mit Fingerspitzengefühl. Nichts anderes brauchten die Suns nach Bluthund Porter. Warum die Suns aber dennoch auch auf taktischer Ebene mithalten können darf man auf Co-Trainer Dan Majerle zurückführen. Nicht umsonst versuchen ihn nun die Sixers abzuwerben.
PS: Dörte Bohnen…
@ Sorry, only the truth: Tut mir Leid, Du hast mich falsch verstanden. Es lag absolut nicht in meiner Absicht, Dragic zu “verreißen”. Meine Kritik hatte sich lediglich auf das zweite Spiel der Serie bezogen, das er mit 0 Treffern bei 5 Versuchen aus dem Feld beendete, darunter ein paar ganz harte Backsteine. Daneben hat er das Spiel aber solide bis gut gelenkt und wenig Fehler gemacht, was ich in dem Bericht auch lobend hervorgehoben habe.
Vergangene Nacht hat er mir jedoch eindrucksvoll meine Unwissenheit vor Augen geführt. Das war ja brutal, wie der am Ende abgegangen ist. Respekt.
tja und meiner einer heisst dann auch noch so mit vornamen, haha
hoffe, dass du, david, zeitlich wieder n bisschen luft hast um hier wieder aktiver zu werden!
echt n super analylse-bericht
Danke Arndt, hoffe ich auch.
Wie würdet ihr eigentlich die Leistung der Mavs in diesem Kontext einordnen? Bekanntlich hat das Team vom German Wunderkind die Playoff Serie gegen die Spurs mit 4-2 verloren. Meint ihr, dass Dallas gegen Phoenix mit Pauken und Trompeten 4-0 rausgeflogen wäre? Oder liegt die Dominanz der Suns an den müden (nach der Serie gegen Dallas) Spurs?
Das große Problem der Mavs war ihre Unberechenbarkeit, im negativen Sinne. Man wusste nie, was man von der Mannschaft erwarten konnte. Kann gut sein, dass sie gegen die Suns ne überzeugende Serie gespielt hätten. Wer weiß das schon?