Ein Sterblicher

Von: Dmitrij Karle

Koby BryantDas Team um die Los Angeles Lakers steht und fällt mit einem Spieler. Superstar Kobe Bryant (Foto) spielt bisher, für seine Verhältnisse, eher durchwachsene NBA-Finals. Schwache Trefferquote, zu viele Ballverluste und teilweise schaurige Fehler in der Verteidigung. Sind das Zeichen dafür, dass Bryant die Puste ausgeht oder uns eine Eruption gewaltigen Ausmaßes bevorsteht? Ein Kommentar. (mehr…)

Die Wolken verdunkeln sich über Boston. Ein mächtiger Wirbelsturm ist im Anmarsch, der den Namen der Lakers Nummer 24 trägt. Nach aktuellen Prognosen könnte dieser entweder heute die Küste von Massachusetts erreichen oder nächste Woche über Los Angeles hinwegfegen. Viele erwarteten das Ungetüm schon zu Beginn der Serie . Doch er ist auf dem Weg. Immerhin glauben das einige. Ob es nicht schon zu spät ist?

Kobe Bryant, der in vielen Augen der beste Spieler dieses Planeten ist, wartet immer noch mit seinem Ausbruch in den NBA-Finals gegen die Boston Celtics ab. Er ist ein außergewöhnlicher Spieler. Doch von seiner Genialität konnte man bislang nicht viel erleben.

Es gab Momente, da beobachtete man einen Bryant in seiner eigenen Welt, zu der niemand einen passenden Schlüssel finden konnte. Er war fokussiert auf den Sieg und ließ sich von niemanden aus der Ruhe bringen. Er traf die wildesten Würfe. Zog zum Korb, als ginge es um Leben oder Tod. Niemand war in der Lage ihn zu stoppen. Doch diese Momente waren rar gesät. Gegen Boston zeigt der zwölfmalige NBA-All-Star seine sterbliche Seite. Er ist nicht unverwundbar.

Zwar erzielte der nun schon 31-jährige Shooting-Guard über 28 Zähler im Schnitt in den letzten vier Partien gegen Boston. Doch gibt es auch die andere Seite der Medaille. Anscheinend macht ihm die aggressive Celtics-Defense enorm zu schaffen. Das frühe Doppeln von Kobe, entweder Ray Allen und Kendrick Perkins oder Ray Allen und Paul Pierce, hat sich als wirkungsvoll erwiesen. Es steht außer Frage, dass Bryant die unglaublichsten Würfe treffen kann. Ich hatte jedoch den Eindruck, dass der Star der Lakers zu viel erzwingen wollte und teilweise Würfe nahm, die nicht aus dem Spielfluss heraus entstanden sind.

kobe-bryant-profil1Im dritten Viertel der vierten Final-Partie drehte Bryant voll auf und traf einige Dreier, die nicht von dieser Welt waren. Allerdings war von ihm im letzten Abschnitt dann nicht mehr viel zu sehen. In der 89:96 Niederlage beging Kobe satte sieben Ballverluste. Viele davon wären vermeidbar gewesen. Ein Beispiel: Gegen Ende des zweiten Viertels zieht Bryant gegen Ray Allen mittig zum Korb, springt ab und versucht Pau Gasol anzupassen, vor dem ein gut positionierter Paul Pierce steht. Turnover. Pierce passt den Ball direkt zu Rajon Rondo, der ungehindert zum Korb zieht. Glück für die Lakers, dass Rondo den einfachen Layup am Ende verfehlt hat. Ähnliche Aktion von Kobe mit 37 Sekunden vor dem Ende des Spiels, als Los Angeles mit nur sechs Punkten zurücklag. Bryant bringt den Ball nach vorn, zieht drei Verteidiger auf sich und passt im Springen wieder raus auf Lamar Odom, der in der Mitte der Dreierlinie ungedeckt auf den Pass wartete. Zu offensichtlich ist das Anspiel für Celtics-Guard Rondo, der den Ball klaut und ungehindert die nächsten zwei Punkte erzielt.

Der Liga-MVP von 2008 tut sich momentan sehr schwer. Er lässt Bostons Tony Allen aussehen, als wäre Allen nur dazu geboren, um Superstars à la Bryant effektiv zu verteidigen.

Ein Grund für sein schwaches Auftreten könnte auch sein fortschreitendes Alter sein. Schon mit blutjungen 17 Jahren wurde Bryant von den Charlotte Hornets an 13. Stelle gedraftet und anschließend für Center Vlade Divac zu den Lakers getradet und legte danach eine Blitzkarriere mit unzähligen Auszeichnungen und Playofftrips hin. Es sind bereits 93 Spiele für Bryant in dieser Saison. Und mindestens zwei weitere sollen es noch werden.

Phil Jackson, Headcoach der L.A. Lakers, ließ obendrein kürzlich verlauten, dass seinem Superstar am Ende des Spiels einfach die Kräfte fehlen und er ausgelaugt zu sein scheint. Deshalb möchte der Zen-Meister seinem Schützling im kommenden Spiel fünf der Serie mehr Ruhepausen gönnen, damit Kobe im letzten Viertel voll aufdrehen kann. Ob diese Strategie von Erfolg gekrönt sein wird, bleibt abzuwarten. Denn zweite Garde der Lakers war kaum präsent in den vergangenen Partien. Zwar konnte sich ein Lamar Odom wieder fangen, der fürchterlich in die Finals gestartet war, dennoch ist seine Leistung kaum mit der Serie gegen die Suns zu vergleichen (14 Punkte, 11,8 Rebounds im Schnitt gegen Phoenix).

Nichtsdestotrotz ist die Geschichte der Playoffs noch auf der Seite der Lakers. Denn alle Mannschaften von Jackson haben bisher immer eine Serie gewonnen, wenn sie das erste Spiel für sich entscheiden konnten. Und das an solchen Zahlenspielchen etwas Wahres dran ist, zeigt das Beispiel der Orlando Magic, die in den Conference-Finals mit 1:3 hinten lagen und nicht mehr in der Lage waren, die Serie zu ihren Gunsten zu drehen - wie unzählige andere Mannschaften bereits vor ihnen, die mit einem 1:3 Rückstand konfrontiert waren.

Heute Abend findet also die wohl vorentscheidende Schlacht um die NBA-Meisterschaft statt. Die Celtics haben den Sieg aus Spiel vier und das Momentum im Rücken, die Lakers  einen Kobe Bryant, der ein Spiel epischen Ausmaßes vor sich hat? Die Zeit wird es zeigen.

(Photos by Keith Allison | License: Attribution Share Alike 2.0 Generic)

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5 Kommentare zu „Ein Sterblicher“

  1. Frieder sagt:

    Sagt mal lasst ihr die Berichte jetzt so langsam ausklingen? Es sind Finals und es gibt keine Spielberichte auch einen Tag später nicht? Finde die Seite echt Spitze aber seit den Play o. muss man leider auf andere Seiten ausweichen… schade

  2. Malte Arndt sagt:

    Kann nur für meinen Teil sprechen: Habe momentan in der Uni eine Menge zu tun und da das hier dann doch “nur” Hobby und nicht Beruf ist, muss ich momentan ein bisschen kürzer treten. nach dem Spiel heute Nacht schreibe ich aber gerne wieder etwas, da dann auch mal etwas Zeit da sein dürfte.

    Ansonsten kann ich zumindest für meinen Teil sagen, dass ich 24 Artikel in den Playoffs veröffentlicht habe, wovon lediglich einer nichts mit der Endrunde zu tun hatte. Macht 23 Artikel über bislang vier Runden. Nimmt man noch die Artikel von Dimi und David dazu, sind das eine ganze Menge Artikel, weswegen ich den Eindruck nicht teilen kann, dass die Berichterstattung hier abgenommen hat. Klar, zu den letzten drei Spielen kam eher wenig und zu Beginn der Playoffs gab es eine urlaubsbedingte einwöchige Pause, mehr aber auch nicht. Wie gesagt, dass es gerade in den Finals eine Pause gibt, ist blöd, aber war (von meiner Seite aus) so nicht zu ändern.

  3. David Lorenz sagt:

    @ Frieder: Der NBA-Blog hat sich auch etwas verändert. Reine Spielberichte, wie ich sie über ein Jahr lang verfasst habe, gibt es im Prinzip nicht mehr. Wir haben uns bewusst dazu entschieden, eher Hintergründe, Analysen und Meinungen zu verfassen, da man Spielberichte auch auf anderen Seiten bekommt, gut recherchierte Kommentare jedoch eher nicht.

    Ich für meinen Teil habe in den letzten zwei Monaten berufsbedingt sehr sehr wenig geschrieben, was sich aber wieder ändern soll, sobald die Zeit dafür vorhanden ist. Ungünstiges Timing jetzt zu den Playoffs/Finals, ich weiß, jedoch kann ich daran leider nichts ändern.

  4. Dmitrij Karle sagt:

    Kann mich meinen Vorrednern nur anschließen. Wie gesagt, es ist netter Zeitvertreib. Es ist kein Job, für den wir bezahlt werden. Versetzt euch in unsere Lage! Neben Studium (Malte & ich) und Beruf (David), müssen wir auch anderen Beschäftigungen nachgehen und dann noch Zeit finden, um euch bei Laune zu halten ;). Es ist ja nicht so, dass wir den ganzen Tag vor dem PC sitzen und für Artikel recherchieren.

    p.s.

    Was ich mir von euch wünschen würde, dass ihr vlt. noch mehr eure Meinung zu den Artikeln ins Spiel bringt. Vorschläge, was kann man besser machen, welche Themengebiete euch mehr interessieren, über welche Teams ihr gerne mehr lesen möchtet usw.?!

  5. Mike sagt:

    Dickes Lob an euch 3! Die Spielberichte kann ich mir auch auf NBA.com reinziehen (inklusive highlights). Was eben das gute an der Seite ist sind die Kommentare und Hintergrundberichte wie z.B. auch über die “Gehaltsliste” der NBA.

    Gerne mehr über die möglichen Trades, die neue Saison, Nowitzki und die Mavs, aber insgesamt ist das schon super hier!

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