Zeit, dass sich was dreht

Von: Malte Arndt

kendrick-perkinsSicher, die nächste Runde ist noch nicht erreicht und man sollte es tunlichst vermeiden, die Cleveland Cavaliers jetzt schon abzuschreiben. Nach der 95:124-Klatsche in Spiel drei weiß man auch in Boston, dass man zu Hause vorgeführt werden kann. Und doch hat das Team schon jetzt mehr erreicht, als viele den Celtics zutrauten. Die Stimmung in Boston hat sich gedreht. Ein Kommentar. (mehr…)

Was mich selber natürlich nicht ausschließt. Noch in meiner Vorschau auf die Serie gegen die Miami Heat schrieb ich: “Beteuerungen, dass alles seine Zeit brauche und sich das Team schon einspielen würde, Klagen über das Verletzungspech, Motivationsverlust, weil der Divisionstitel eh schon fest stand - um Entschuldigungen war man in Beantown selten verlegen. Das alles gilt jetzt aber nicht mehr, nur weiß ich nicht, wieso plötzlich in den Playoffs alles anders laufen sollte.” Auch an der Bank ließ ich (und aus damaliger Sicht völlig zu Recht) kein gutes Haar: “In den zehn Minuten, die die Bank hat, hilft dann eigentlich nur noch, ein paar Stoßgebete mit aufs Parkett zu schicken. Und um das Elend mit dem Namen Celtics-Bank in Zahlen zu nennen: Alle Starter der Celtics haben ein positives Simple-Rating, alle Bankspieler ein negatives. Mehr muss man wohl kaum sagen.”

Aus heutiger Sicht zwei geradezu spektakuläre Fehleinschätzungen, auch wenn hier daran erinnert sei, dass Miami im ersten Spiel noch im dritten Viertel deutlich führte und vieles nach einer Niederlage der Celtics aussah. Erst als Paul Pierce auf dem Boden lag, Kevin Garnett seinen Ellenbogen in Quentin Richardsons Gesicht versenkte und alle Welt aufschrie, wie unfair die Celtics seien, ist irgendetwas passiert. Ich weiß nicht, was genau, ich weiß nicht, wieso es durch solche Ereignisse ausgelöst wurde. Aber seitdem spielt Boston … schluck … ja, ich schreibe es … wie ein Meisterschaftskandidat. Was ich vor Beginn der Endrunde noch für völlig unmöglich gehalten habe, ist eingetreten: Jeden Abend wachsen andere Akteure über sich hinaus, Doc Rivers hat just zu Playoffbeginn die passende Rotation gefunden, die Mannschaft defensiv wieder zu der Form vergangener Tage gefunden.

Das alles kulminiert gerade in der Serie gegen Cleveland. Wie gesagt, es ist noch nichts gewonnen und trotz meiner Sympathie für Boston weiß ich, dass vor dem Rekordmeister noch ein gehöriges Stück Arbeit liegt, ehe man sich vielleicht über den Einzug in die Conference-Finals freuen darf. Das Schöne ist nur, dass man jetzt schon mehr erreicht hat, als jeder dachte. Das noch Schönere: Wenn man die Serie nüchtern betrachtet, erscheint es recht unwahrscheinlich, dass Cleveland noch beide Spiele gewinnt. Auch wenn ich mit dieser Aussage nach den Erfahrungen des letzten Jahres (Boston verspielte damals ein 3:2 gegen Orlando) lieber vorsichtig bin. Aber aus meiner Sicht spricht einfach zu viel für Boston.

Zum einen das Selbstvertrauen, das man mittlerweile entwickelt hat. Ray Allen, sonst eher ein ruhiger Zeitgenosse, liefert sich Wortgefechte mit LeBron James. Rajon Rondo, ohnehin das bisherige Phänomen der Playoffs, wird ein ums andere mal aufs Parkett geschleudert (wer erinnert sich eigentlich noch an das Lamentieren der Cavaliers über eine solche Spielweise vor zwei Jahren?) und zieht trotzdem furchtlos zum Korb. Paul Pierce schleicht vier Spiele lang wie sein ausgebrannte Zwillingsbruder herum, der zum ersten Mal in seinem Leben einen Basketball in den Händen hält, um dann gestern Nacht der beste Akteur auf dem Parkett zu sein.

Auch wenn Ray Allen statistisch gesehen den offensiv besseren Output lieferte und mit seinen Dreiern im zweiten Durchgang den Vorsprung entscheidend ausbaute: Die 3-14 von James aus dem Feld sind ein Verdienst von Pierce. Die 16 Zähler von Rondo im zweiten Durchgang, als Cleveland James notgedrungen gegen Pierce stellen musste und Williams gegen Rondo verteidigte, sind Pierces Verdienst, weil er in der ersten Halbzeit Cleveland arge Probleme bereitete. Es war auch Pierce (zusammen mit Garnett), der Boston am Anfang der Partie im Spiel hielt, als Cleveland für eineinhalb Viertel anständigen Basketball zeigte (genau genommen etwas weniger - beim Stand von 29:21 für Cleveland hat die Franchise aus Ohio aufgehört, Basketball zu spielen) und die Gefahr bestand, das man früh einem hohen Rückstand hinterherlaufen würde. Die Überlegenheit an den Brettern geht ebenfalls zu einem Großteil auf die Kappe des Kapitäns: Kaum ein Rebound war völlig kampflos ergattert (im Gegenteil - den einzigen “sicheren” Rebound vertändelte er gegen Anderson Varejao), die meisten seiner 11 Rebounds waren umkämpft. Die Zusammenfassung all’ dessen: Pierce hat das erste Mal in dieser Serie ein sehr gutes Spiel gezeigt, das meiner Meinung nach sogar noch besser war, als es die Statistiken behaupten.

Nach fünf Spielen ist auch Paul Pierce in der Serie angekommen

Nach fünf Spielen ist auch Paul Pierce in der Serie angekommen

Ebenso hat die Bank einen wesentlichen Anteil am Erfolg der Celtics: Doc Rivers hat, wie weiter oben schon erwähnt, die richtige Rotation gefunden. Nate Robinson ist aus dieser komplett raus, Michael Finley spielt nur sporadisch, Rasheed Wallace hatte auch schon einmal eine höhere Wertschätzung (es ist jedenfalls kein gutes Zeichen für ihn persönlich, wenn er trotz dreier Fouls im zweiten Viertel nicht runter genommen wird, sondern Rivers bis zum vierten wartet). Tony Allen und Glen Davis zahlen das gesteigerte Vertrauen mit unerwartet starken Leistungen zurück. Gerade Tony Allen, vor den Playoffs noch mein Paradebeispiel dafür, was bei den Celtics alles falsch läuft, spielt bisher eine überragende Endrunde. Selbst wenn er nicht jeden Abend offensiv Akzente setzt, spielt er exzellente Defensive und macht nur noch sporadisch Fehler. Mehr kann man von ihm nicht erwarten; 16 Punkte wie im vierten Spiel sind da reiner Bonus.

Verteidigung ist ohnehin ein gutes Stichwort: Die spielt in den bisherigen Playoffs eine wichtige Rolle in der Erfolgsstory mit dem Namen Boston Celtics. Um mal kurz die Zahlen zu nennen: In der laufenden Serie gegen Cleveland ließ man 97,2 Punkte im Schnitt bei einer Trefferquote von 46,2 Prozent zu (in der Saison erzielte Cleveland im Schnitt 102,1 Punkte bei 48,5 Prozent). Nimmt man die erste Runde hinzu, sieht es sogar noch beeindruckender aus: 92,4 Punkte bei mickrigen 44,8 Prozent aus dem Feld sprechen Bände. Auch die einzelnen Partien zeigen, wie elementar eine starke Defense für Boston ist: Alle Spiele, in denen Boston eine dreistellige Punktzahl zuließ, gingen verloren. Ebenso gingen zwei der drei Begegnungen verloren, in denen der Gegner 50 Prozent oder mehr der Würfe aus dem Feld versenken konnte. Angesichts der Einstellung, die an den Tag gelegt wird, kann ich mir kaum einen erneuten defensiven Einbruch á la Spiel drei vorstellen. Was aber auch Zahlen nicht ausdrücken können, ist das schönste Kompliment, das man Bostons Defensive machen kann: Sie haben Cleveland soweit degradiert, dass gestern Shaquille O’Neal und Anthony Parker die besten Spieler der Cavs waren. Womit auch das Ausmaß der Probleme auf Clevelands Seiten klar sein sollte.

Das alles hört sich nach viel Lobhudelei an und ich bin als Celtics-Sympathisant auch entsprechend euphorisch (wer wäre das nicht?). Mir ist immer noch bewusst, dass die Serie alles andere als entschieden ist, aber es sieht gut aus für Boston. Verdammt gut. Ich habe eigentlich nur Angst davor, was passiert, wenn Brown in seiner Verzweiflung zu einem Lineup Williams(West)/Parker/James/Jamison(Varejao)/Hickson greift. J.J. Hickson hatte Boston bisher nur schwer in den Griff bekommen und die Probleme der Celtics mit einem athletischen Frontcourt sind hinlänglich bekannt. Bleibt nur zu hoffen, dass Mike Brown weiterhin seinen Coaching-Stil auf die Defensive ausrichtet und solche offensiven Möglichkeiten ungenutzt lässt. Es spielt den Celtics in die Hände, denn wenn für mich eines klar ist, dann folgendes: Cleveland muss diese Serie offensiv gewinnen und nicht über die Verteidigung. Was mir aber auch klar ist: Viele haben Boston lange genug unterschätzt. Vielleicht ist es auch einfach nur an der Zeit zu konstatieren, dass die Celtics aktuell besser sind. Dass das 3:2 verdient ist. Dass Boston ein Meisterschaftskandidat ist.

(Photos by Keith Allison | License: Attribution-Share Alike 2.0 Generic)

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4 Kommentare zu „Zeit, dass sich was dreht“

  1. Magnus sagt:

    Ich würde Boston noch lange nicht als Favoriten für die letzten beiden Spiele, sollte es dazu kommen, machen. Ich will nur daran erinnern was James mit den Pistons angestellt hat.

  2. Dima Karle sagt:

    Das 3:2 ist selbstverständlich wohl verdient.
    Aber Meisterschaftskandidat ist mMn (noch) etwas zu hoch gegriffen.
    Mit ungeheurer Spannung erwarte ich das sechste Spiel dieser Serie!

  3. Fabou sagt:

    Ich weiß nicht wo ichs gelesen habe, aber dieser unrühmliche Ellenbogencheck Garnetts an Richardson soll gerüchterweise vorsätzlich passiert sein. Garnett spielt schon viel zu lange in der NBA, als nicht zu wissen, dass so eine grobe Aktion nicht ohne Spielsperre geahndet wird. Es wird gesagt, dass Garnett die Befürchtung hatte, dass der Biss der Mannschaft weg gewesen sei und er sich daher geopfert hat. Und man kennt KGs Liebe zum Spiel und Aufopferungsbereitschaft. Sein Fehlen hat die Mannschaft wieder zusammengeschweist und einen beeindruckenden Basketball liefern lassen (s. Game 2, Big Baby). Also meiner Meinung nach klingt es nicht utopisch, eigentlich sogar glaubwürdig.

  4. Arndt sagt:

    guter artikel. und schön zu sehen, dass du auch auf “falsche vorhersagen” deinerseits eingehst und zu ihnen stehst. :-)

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