Von: Malte Arndt
Es fällt jedenfalls schwer, den Trail Blazers gute Chancen einzuräumen, wenn mit Brandon Roy der unbestritten beste Spieler des Teams fehlt sowie mit Greg Oden und Joel Przybilla die beiden Center. Allerdings wiegt der letztegenannte Verlust nicht mehr ganz so schwer, als man die Spendierlaune der Clippers ausnutzen und sich Marcus Camby für einen ersetzbaren Point Guard sowie einen verletzten Flügelspieler holen konnte. Trotzdem: Mit Roy fehlt Herz und Hirn des Blazers-Spiels, Go-to-Guy in allen erdenklichen Situationen und der Mann, der jegliche Konzentration der Verteidigung auf sich zieht. Dieser Verlust ist nicht auffangbar, schon gar nicht so kurz vor Beginn der Endrunde.
Zu allem Überfluss sind Verletzungsprobleme für die Suns beinahe ein Fremdwort. Ich weiß nicht, welche Wunderheiler bei den Suns beschäftigt werden, aber während der gesamten Saison fehlte kaum ein Spieler über einen längeren Zeitraum. Die berühmte Ausnahme der Regel: Robin Lopez. Nach einem schwachen Rookie-Jahr hinter Shaquille O’Neal hat sich der Sophomore stark präsentiert, nachdem er auch den Saisonbeginn verletzungsbedingt aussetzen musste. Als bester Rebounder des Teams (nicht statistisch, aber objektiv betrachtet) ließ er die Suns zwischendurch sogar wie einen halbwegs ernsthaften Contender aussehen, muss aber nun mit einer erneuten Rückenverletzung wieder nur zuschauen.
Das also zu den äußeren Begleiterscheinungen dieser Serie, rein ins Matchup. Auf der Eins hätte Portland eigentlich ein sehr, sehr gutes Matchup, was die Offensive anbelangt: Miller gegen Nash klingt wie ein Albtraum für Alvin Gentry. Vor allem ein Pick and Roll, das dauerhaft gespielt wird und von Stoudemire und Nash “verteidigt” wird, wäre für Portland eine riesige Chance gewesen, die Serie zu entscheiden. Durch Roys Verletzung kann es sich aber Phoenix erlauben, Nash gegen Fernandez zu stellen (solange der ähnlich lethargisch auftritt wie im ersten Spiel) und Andre Miller von Jason Richardson verteidigen zu lassen, was zumindest theoretisch einiges von Millers Effektivität nimmt. Dass es aber praktisch auch anders aussehen kann, hat ebenfalls Spiel Eins gezeigt.
Dazu hat Portland auf dem Papier auch jede Menge Optionen, um Stoudemire das Leben so schwer wie möglich zu machen. Aldridge als nun wichtigster Offensivspieler Portlands (eigentlich sollte der Satz alleine reichen, um Portlands Hoffnungen zu pulverisieren) wird Stoudemire defensiv gut beschäftigen bzw. die eklatanten Schwächen Stoudemires in diesem Bereich aufdecken. Auch wenn ich bereitwillig zugebe, dass Amare Stoudemire sich in der Helpdefense etwas gesteigert hat - seine Verteidigung ist und bleibt schlecht. Wenn die Blazers selber in der Verteidigung sind, wird Stoudemire von Camby übernommen und hat damit einen verdammt guten Verteidiger gegen sich, weshalb ich erwarte, dass der Power Forward der Suns viel für seine Punkte wird arbeiten müssen.

Marcus Camby wird in den Planungen der Blazers eine Schlüsselrolle einnehmen
Wo aber liegen die Vorteile der Suns? Abgesehen davon, dass Nash natürlich trotz aller defensiven Schwächen im Angriff von niemanden auf Seiten der Blazers verteidigt werden kann, liegt für mich der Knackpunkt bei Jason Richardson. Wenn er starke Partien abliefert, wird das Matchup naturgemäß Richardson/Batum lauten, was wiederum Hill eine physische Überlegenheit gegen Fernandez eröffnet, um sein geliebtes Postspiel im Midrange-Bereich aufzuziehen. Wenn den Suns das dauerhaft gelingt, haben sie allerbeste Chancen, die Serie für sich zu entscheiden. Den Vorteil in der Crunchtime muss man kaum erwähnen - ohne Roy fehlt hier bei den Blazers jemand, der das Spiel wirklich in die Hand nimmt. Und ob man sich dauerhaft auf Spieler wie Andre Miller, Jerryd Bayless oder Nicolas Batum verlassen kann und will, steht auch noch einmal auf einem ganz anderen Blatt.
Trotz aller Umstände, die gegen sie sprechen, mag ich die Blazers nicht abschreiben - im Gegenteil. Sie haben schon in der regulären Saison ohne Roy gegen Phoenix gewonnen und dürften noch aus der Erfahrung des letzten Jahres wissen, was der Verlust des Heimvorteils ausmachen kann. Zumal die Zuschauer im Rose Garden zu den verrücktesten, lautesten und besten ligaweit zählen. Sie können - solange Camby verletzungsfrei und ohne Foulprobleme bleibt - Stoudemire das Leben so schwer machen wie sonst kaum jemand und, so blöd es auch klingen mag, die Verletzungen von Oden und Przybilla können sich zumindest in dieser Serie bezahlt machen: Mit Camby, Howard und Aldridge sowie Batum als Aushilfs-Vierer kann Portland das Pick and Roll herausragend verteidigen, was Phoenix’ wichtigsten Spielzug im Halfcourt limitiert. Man wird nie das Pick and Roll übers ganze Spiel verteidigen können, aber die Kreise von Nash werden so doch eingeschränkt.
Das alleine wird den Blazers noch nicht den Seriensieg sichern. Sie müssen zusätzlich das Tempo diktieren und zwar in dem Sinne, dass das Spiel möglichst langsam bleibt. Auf einen Shootout mit den Suns sollten sie sich nicht einlassen, weil da sämtliche Stärken der Blazers ad acta gelegt werden. Sie müssen das Mismatch mit Nash als Verteidiger auf der Zwei umgehend bestrafen, auch wenn dafür Bayless in die Starting Five rücken muss. Wenn Nash in der Verteidigung zur Arbeit gezwungen wird, ergeben sich plötzlich ganz neue Freiräume für die Blazers. Und Marcus Camby muss weiterhin so die Bretter dominieren, wie es in Spiel Eins der Fall war. Die Suns gehören zu den schwächeren Rebound-Teams der Liga, weshalb Portland den Vorteil hier unbedingt in der Hand behalten muss.
Alles in allem ist es also eine ganze Menge, was bei Portland zusammenlaufen muss, damit sie die Conference Semifinals erreichen. Neben der Verletzung von Roy spricht auch gegen sie, dass die beiden besten Spieler der Serie das Trikot der Suns tragen, was eigentlich immer ein schlechtes Omen ist. Die Flügelspieler müssen sich zwingen, in die Zone zu ziehen, weil Phoenix keine Shotblocker hat - eine Aufgabe, die sonst Roy übernommen hat und die eine Umstellung des Spielstils von Fernandez oder Batum erfordert - keine leichte Anforderung. Und doch muss ich sagen, dass mir nach eingehender Betrachtung die Serie nicht so klar erscheint, wie man denken möchte. Ob Portland vier Spiele zusammenbringen kann, in denen alles passt, weiß ich nicht. Aber Phoenix ist auch kein Übergegner, sondern hat von allen Top-Seeds im Westen die offensichtlichsten Schwachpunkte. Ich glaube dennoch, dass die Suns weiterkommen werden, aber nur knapp in sieben Spielen.
(Photos by permanently scatterbrained & Keith Allsion | License: Attribution-Share Alike 2.0 Generic)
Schlagworte: Alvin Gentry, Amare Stoudemire, Andre Miller, Brandon Roy, Grant Hill, Greg Oden, Jason Richardson, Jerryd Bayless, Joel Przybilla, Juwan Howard, Los Angeles Clippers, Marcus Camby, Nicolas Batum, Phoenix Suns, Portland Trail Blazers, Robin Lopez, Rudy Fernandez, Shaquille O'Neal, Steve Nash




Die Zeit der Suns schien nach mehreren vergeblichen Anläufen auf den Titel zur Mitte des Jahrzehnts vorbei, als man letztes Jahr die Playoffs verpasste. In dieser Saison legten die Wüstenstaatler ohne große Kaderveränderungen die drittbeste Bilanz im Westen hin und treffen nun auf die vom Verletzungspech gebeutelten Portland Trail Blazers. Leichte Beute, möchte man meinen. 